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Anhelus - der atemraubende Taufort
Ein Projekt von Marion Rosemarie Wagner und Ivonne Dippmann

Kontext
Anhelus beschäftigt sich mit dem Phänomen des Taufortes und dem Akt der christlichen Taufe im Kontext des Themas Sacral Design im Sommersemester 2006 in der Klasse für Gestalten mit digitalen Medien an der Universität der Künste Berlin.
Neben dem Redesign eines Objektes lag besonderer Augenmerk auf der Getaltung des Prozesses der Taufe, denn Objektdesign bedeutet auch immer Prozessdesign - wenn man ein Objekt gestaltet, wird auf irgendeine Art und Weise damit umgegangen werden.

Historie
Die jahrhundertlange Praxis der fast ausschliesslichen Kindertaufe hat in jeder Beziehung zu einer Minimalisierung der lithurgischen Taufhandlung geführt. Der Taufbrunnen wurde zum verkleinerten Modell des ursprünglichen Taufbades(Bapisterium); die ursprüngliche Taufhandlung des dreimaligen Übergiessen mit Wasser(Perfusion) bzw. des Eintauchens(Immersion) oder seltener des Untertauchens(Submersion) wurde zu einem Entlanggiessen weniger Wassertropfen an der Stirn des Säuglings.

Taufengel waren im 17./18. Jahrhundert vor allem in Deutschland, Dänemark und Schweden in den Kirchen der Protestanten gebräuchlich und hingen vertikal schwebend von der Decke des Chors herab. Bei der Taufzeremonie wurden sie mittels Seilzug heruntergelassen. Es gab auch stehende oder kniende Taufengel als Träger der Taufschale, manchmal wurde sie auch von einem Engelpaar gehalten.

Allen Taufakten ist gemein, dass ihr Prozess erst ab den Zeitpunkt "schön" wird, an dem der Priester das Wasser segnet. Vorher wird es aus dem Fluss oder der Wasserleitung entnommen. Nach der Taufe im Taufbrunnen entsorgt oder als Blumenwasser zweckentfremdet.

Vision
Anhelus entnimmt das für die Taufe gedachte Wasser aus der Luft der Gemeinde – an der kühlen Messingspitze kondensiert Wasser und tropft in das, in der Luft schwebende, Taufbecken. Da die Luftfeuchte unter anderem durch den Atem der Menschen (der Sauerstoff wird durch die Lungen in Wasser und CO2 umgewandelt) erhöht wird, und ebenso durch Transpiration, sind alle Anwesenden in Gewisser Weise wieder Teil am Akt der Taufe, bei der ein neues Mitglied in die christliche Gemeinde Aufnahme findet. Formal gesehen ist die Gestaltung eine Folge konsequenter Reduktion.

Formgebung
Die Form des Taufortes leitet sich, in Anspielung an den Taufengel, aus einem Kegel ab. Da das Bodenelement so zu statisch erschien, entschlossen wir uns für die “schwebende“ Variante.
Bei der Umsetzung entschieden wir uns für Acryl-Gips-Laminierharz und verstärkten das Material mit Glasfasermatten. Besonder wichtig war hierbei, kein für den profanen Gebrauch verfertigtes Objekt in den Taufort zu integrieren. Sowohl Kegel als auch Taufschale sind originär und von Hand gefertigt.

Technik
Im Inneren des Deckenelementes befindet sich eine individuell konzipierte Technologie, die es ermöglicht die Messingspitze an der Unterseite des Kegels auf ca. 5 Grad Celsius abzukühlen, so dass daran das Wasser aus der umgebenden Luft kondensieren kann. Im Grunde ist es der Effekt eines kalten Wasserglases, welches aussen feucht wird wenn man es mit kalter Flüssigkeit füllt.

[anhelus, lat. atemraubend]


Videodokumentation [Quicktime; 5.40min; 8.6MB]